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Anmerkungen

Versucht man, an Hand der vorhandenen (und einiger der hier zitierten) Quellen sich ein Bild von Kurt Gerstein und eine möglichst begrifflich abgesicherte Einschätzung seines Widerstandes zu machen, so liegen die Schwierigkeiten auf der Hand: die Widersprüche in der Person und in der Zeit erschweren ein einheitliches Urteil, und die am Anfang genannten Begriffsbestimmungen von Widerstand scheinen nicht recht zu passen. Vielleicht ist ein prozessualer Widerstandsbegriff, wie ihn auch Peter Steinbach einmal gefordert hat, angemessener, der sich jeweils an die veränderte Zeit- und Bewusstseinslage anpasst und sich auf die persönlichen wie politischen Voraussetzungen möglichen Widerstandes hin orientiert. Auch Gersteins Lebensweg verläuft ja nicht gradlinig auf ein einziges Lebensziel hin; immer wieder wechseln Zeiten des Zögerns, der Ziellosigkeit und eines unsteten Sich-Treiben-Lassens mit Perioden entschlossenen Handelns, wo ihm dann alles zu gelingen scheint. Vielleicht ist das eines der Geheimnisse der Person Gersteins: das lange, unentschlossenen Suchen nach dem richtigen Weg, dann aber das zielstrebige und entschlossene Handeln. Damit hängen vielleicht auch die wechselnden Gesichter, die uns Kurt Gerstein zeigt, ursächlich zusammen: das spröde Verschlossensein, das Sich-Absondern, der Wunsch nach Stille und Für-Sich-Sein, und auf der anderen Seite das Streben nach Zusammensein mit seinen Jungen, das Suchen nach Gemeinschaft, die enge Verbundenheit mit Freunden, ja ein Charme und ein Charisma, die ihn überall zum Mittelpunkt machten.

Das Rebellische, das schon den Sohn und Schüler auszeichnete, scheint ein Grundzug seines Wesens zu sein. Es verhindert die vorbehaltlose Übernahme vorgegebener Meinungen, Überzeugungen und Glaubensinhalte. Gerstein beansprucht gerade zwischen den Lagern der Bekennenden Kirche und des Nationalsozialismus seinen eigenen Platz, und er findet ihn auf der Grundlage eines eigenen Glaubenserlebnisses, einer Glaubensüberzeugung, in deren Mittelpunkt ein alttestamentlich strenger, fordernder und strafender Gott steht. Des Widerspruchs zwischen dessen unabdingbarem Anspruch und der Unzulänglichkeit des Menschen war sich Gerstein schmerzhaft bewusst. Das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, hat ihn nie verlassen; immer wieder hat er sich selbstquälerisch geprüft. Sein Streben nach Sauberkeit, nach körperlicher und moralischer Hygiene, der Wunsch, selbst im Geschehen der NS-Massenvernichtungs-maschinerie „reine Hände“ zu behalten, seine Jungen vor Gottlosigkeit und sittlicher Verderbheit zu bewahren - all dies gehört zum Bild eines geforderten und sich selbst fordernden Menschen.


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