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Anmerkungen

Auch was den Kirchenkampf angeht und vor allem das Schicksal der evangelischen Jugendarbeit, sah Gerstein relativ klar den Konflikt voraus. Dies machen etwa die zwei Briefe vom 7.7. und 14.8.1933 an seinen Freund und Mitstreiter Egon Franz deutlich. 23 Dass die HJ alle Jugendlichen beanspruchen würde, war ihm klar, und er brachte der HJ durchaus Sympathien entgegen. Aber ebenso klarsichtig sah er den entscheidenden Unterschied, nämlich die fehlende christliche Grundlage der HJ-Erziehung, ja ihre bewusst antireligiöse Ausrichtung. Deshalb fühlte er sich getrieben, die „unsichtbare Kirche“ mit einer „Kernjungmannschaft“ zu bilden und die sichtbare Kirche den anderen, „damit sie darin ihr Trara, ihre ‘Massenmission’ machen können“, zu überlassen. 24 Eine solche „immer mehr verflachende Einheits-Staats- und Reichskirche“ würde zu einem Instrument des Staates werden; dies sei das Ende der „protestantisch-evangelischen Kirche um das Wort Gottes herum“. Die Gefahr einer Jugend, die ohne Kontakt zu Christus aufwächst, und eines Volkes ohne Gott beschwört er eindringlich: Das Christentum sei immer eine „ärgerliche Sache“; aber nur in dem Bewusstsein der Verpflichtung vor Gott könne das Böse bekämpft werden; Gott werde letztlich ein gottlos gewordenes Volk vernichten: „Gott lässt sich nicht spotten.“ In diesem grundlegenden Kampf zwischen Gut und Böse, Gott und Gottlosigkeit versucht Gerstein seine Position zu bestimmen: „So fest wie möglich auf dem Boden des Nationalsozialismus stehen (z.B. speziell bei mir: an der geistigen Arbeit zur nationalsozialistischen Durchdringung der Wirtschaft mitkämpfen.) Aber unter allen Umständen sich zäh anklammern an die Bekenntnisgrundlagen der Kirchen und da - ohne Rücksicht auf irgend eine äussere Macht oder auch Entwicklung ... nicht auch nur um Fingerbreite nachgeben.“ 25 Und am 18.3.1934 ebenfalls an Egon Franz: „In mir wächst, im Gegensatz zu mancher früherer Feigheit, Schüchternheit und Zurückhaltung, mehr und mehr der Mut, jedermann ein ganz klares Zeugnis abzulegen: Jesus Christus der Herr! Das zu bezeugen wird mir ein immer mehr unausweichbares Muss.“ 26

Dies ist eine ganz andere, wenn auch persönlichere Sprache, und selbst wenn man Gersteins Hang zur packenden Formulierung, zum starken Wort in Rechnung stellt, wird doch die ganz persönliche Ergriffenheit, das Ergriffensein von einer Aufgabe, die sich aus der Sorge um Jugend und Volk ergibt, fassbar. Das ist mehr als das kirchenpolitisch bestimmte Taktieren vieler in der BK: Gerstein sieht sehr klar sowohl die augenblickliche Sachlage als auch den unausweichbaren Grundkonflikt zwischen (einem Teil des?) Nationalsozialismus (so er sich denn nicht ändern lässt) und der christlichen Kirche. Und er zieht auch ganz persönlich die Konsequenzen, indem er sich um jeden der ihm anvertrauten Jugendlichen kümmert, ihnen schreibt, ganze Sonntage mit Konfirmandenunterricht, Kindergottesdienst, Bibelarbeit verbringt, persönliche Gespräche führt usw. Hierhin gehört auch seine publizistische Tätigkeit, mit der er die Jugendlichen erreichen wollte, die er nicht persönlich treffen konnte. Auch wenn seine Ansichten auf dem Gebiet des sexuellen Jugendschutzes heute (und vielleicht schon damals) altfränkisch anmuten, so lag doch eine gewisse Sensation darin, dass er in einer Zeit, in der Gott zunehmend für überflüssig gehalten wurde, mit Ernst und Überzeugung auf die zentrale Bedeutung des Christseins für die Gestaltung des eigenen Lebens hinwies. - Dass von diesem letztlich radikalen Standpunkt her Gerstein nicht immer in der Lage war, den offiziellen BK-Kurs mitzugehen und an manchen Entscheidungen und Kompromissen Kritik übte, ist leicht einsichtig.


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