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Anmerkungen

Trotzdem scheint Gerstein auch in diesem entscheidendem Jahr 1941 und trotz des Gefühls, eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben und den Respekt seiner Vorgesetzten gewonnen zu haben, nicht seine Absicht, derjenige zu sein oder zu werden, „der die Dinge von innen miterlebt habe und darum Zeuge erster Hand sein könne“, aus dem Auge verloren zu haben. 21 Jedenfalls hat er sich so immer wieder gegenüber Freunden, denen er seinen Wechsel zur SS erklären zu müssen glaubte, erklärt. Dass er dann tatsächlich 1942 in die Lager Belzec und Treblinka reisen und die mörderische Wirklichkeit der Vernichtungsmaschinerie kennenlernen sollte, hat er selbst als Zufall bezeichnet, der ihn „an das Ziel führte, in diese Maschinerie den lang ersehnten Einblick zu erhalten. Ich hatte auch nicht die leisesten Bedenken. Denn wenn ich den Auftrag nicht übernommen hätte, hätte ihn ein anderer im Sinne des SD ausgeführt.“ 22 Dass hier ein Zufall seinem Sinnen und Trachten zuhilfe kam, mag Gerstein als Bestätigung seiner persönlichen Mission und seines speziellen Sabotage-Auftrags empfunden haben.

Es bleibt die Frage nach Gersteins Stellung in der Bekennenden Kirche. Hier wirkt er eher randständig; sein Bemühen um die Jugend war zwar auch eine Sorge der BK, doch stand zunächst der Kampf um die verfasste Kirche im Mittelpunkt. Auch schien mit der Eingliederung der evangelischen Jugendverbände in die Hitler-Jugend zumindest der Kampf um eine eigene kirchliche Jugendorganisation schon früh entschieden und verloren zu sein. Der „seltsame Heilige“, wie sogar der ihm eigentlich noch am ehesten geistesverwandte Martin Niemöller Gerstein nannte, wurde von den offiziellen Kirchenführern vielleicht sogar nicht immer ganz ernst genommen: Zu sehr unterschieden sich Gersteins leidenschaftliche Sprache, sein Engagement und Temperament, sein Einsatz für die sexualpädagogische Schriftenmission, ja eine gewisse Undiszipliniertheit von ihrer Kunst vorsichtiger, oft theologisch verbrämter Formulierungen, von ihrer behutsamen Taktik und zurückhaltenden Kompromissbereitschaft. Und oft mögen sie in Gerstein nur den lästigen Bittsteller um Geld für eine zwar wichtige, aber nicht gerade erstrangige Sache gesehen haben. Natürlich kannte Gerstein viele der führenden BK-Leute und wusste sich diese Tatsache zunutze zu machen, aber gelegentlich scheint er auch hier die Enge der Kontakte übertrieben dargestellt zu haben.


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