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Anmerkungen

Ein interessanter und vielleicht noch zu wenig beachteter Lebensabschnitt Gersteins - gerade im Blick auf seine Stellung im und zum Widerstand - scheint mir die Phase der SS-Ausbildung 1941 zu sein. Gerstein empfand sie als sehr hart, aber bejahte sie auch („Die Härte dieser selbst gewählten Schule übertrifft selbst kühne Erwartungen. Das heisst nicht, dass ich diese Härte nicht bejahte.“ 12 ) Sie erinnerte ihn an die Haft in Welzheim, aber trotzdem „kann ich es nicht bedauern, hierher gekommen zu sein. ... Ich erkenne hier, was wesentlich ist.“ 13 Trotz des mehrfachen Eingeständnisses, „auf seinem schwächsten Querschnitt“ zu arbeiten, versuchte er durchzuhalten und „nur mit Zähigkeit und Willen - meiner einzigen Waffe und meinen positivsten Eigenschaften - “ die Ausbildung als bester zu absolvieren. 14 Der Stolz auf diese Leistung, auf das Mithalten-Können trotz seines vergleichsweise hohen Alters machte ihn auch anfällig für das Leistungsbewusstsein der SS als einer, wie Gerstein schreibt, „absoluten Elitetruppe“: „Ich hatte insgesamt viel Härte und Strenge erwartet. Aber was hier geboten wird, geht über das vorstellbare Maass. Da ist - bewusst - jede Heereseinheit ein Dreck dagegen. Es gehört ein Unmaas von Zähigkeit und ein leidenschaftlicher Wille dazu, dies in meinen Jahren zu bestehen. Hier herrscht eine selbst mir, der ich vieles erlebte, beispiellose Härte, die das Allerletzte aus dem einzelnen herausholt. ... Dass man dabei selbst auch unendlich viel härter wird, ist eine ganz natürliche Folge. Würde man es nicht, würde man zerbrechen.“ 15 Zu der Härte der Ausbildung kam die erste Anschauung dessen, was in den Konzentrationslagern geschah, so etwa in Oranienburg: „Hierzu die Nachbarschaft, über den Zaun.“ 16 [ Bei aller Bedeutung dessen, was das Erlebnis von Belzec für Gerstein bedeutete, darf nicht übersehen werden, daß er im Rahmen seiner Ausbildung und seiner Tätigkeit in der SS natürlich schon vorher Konzentrationslager kennenlernte. Allenfalls ein Vernichtungslager konnte noch neu für ihn sein.]

Nach der Ausbildung kam das Interesse, ja die Freude an der „außerordentlich grosszügig gedachten Stellung“, 17 an der „unerhört interessanten“ Tätigkeit 18 und dem neuen Platz, „wo ich in der Tat ungeheuer viel nützen und - verhindern kann“, 19 hinzu, ebenso der schmeichelhafte schnelle Aufstieg in der SS-Hierarchie. Gerstein stand, gerade auch wenn man die Betonung der Härte der Ausbildung in seinen Briefen auch ein wenig als Selbststilisierung dessen, der auch solchen Anforderungen gerecht wird, bewertet, in der Gefahr, dem speziellen Leistungsethos der SS zu verfallen, das Hans Buchheim so eindrücklich beschrieben hat: „Im Alltag der SS entstand aus der Verquickung von Pragmatismus und dem heroischen Prinzip des Kampfes um seiner selbst willen die Vergötzung der Leistung um ihrer selbst willen. Tatsächlich maßgebender Wert wurde die Leistungsfähigkeit schlechthin. Der ideale SS-Mann setzte seinen Ehrgeiz darein, jeden Auftrag auszuführen, ohne viel nach dessen Sinn und Berechtigung zu fragen oder sich Rechenschaft über die angewandten Mittel zu geben.“ 20


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