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Anmerkungen

„Schlimmeres verhüten“ das ist nun ein viel gebrauchtes und mißbrauchtes Argument jener, die bei den Nationalsozialisten mitmachten, für das Regime arbeiteten und sich durch vermeintliche oder wahre zumeist kleine oppositionelle Aktivitäten so selbst ein Alibi ausstellten. Dass man Widerstand leisten müsse, um Schlimmeres zu verhüten, kehrt dieses Argument, das sonst eben die Anpassung rechtfertigen sollte, so eigentlich um: nur ein geringes Ziel bleibt dem Widerstand, eben Schlimmeres zu verhüten. Dass dies eben auch einem kirchlich motivierten und beschränkten Widerstand aber nicht gelang, zumal unter den isolierenden Bedingungen des Krieges, als die öffentliche Meinung des Auslandes keine Wirkung mehr besaß und im Inland Zensur und Kriegsberichterstattung alles dominierten, musste auch Gerstein angesichts von Euthanasie und Holocaust erfahren. Immerhin war er dann schon wieder einen Schritt weiter als die sonstigen Vertreter der kirchlichen Opposition gegangen: nämlich hinein in den Macht- und Terrorapparat der SS.

Dass seine beruflichen Schwierigkeiten - 1941 beim Eintritt in die SS war Gerstein 35 Jahre alt, hatte eine Familie zu ernähren, aber beruflich immer noch nicht festen Fuß gefaßt - ihm diesen Entschluss erleichtert haben, muss zugestanden werden. Aber auch das im Gerstein-Bericht genannte Motiv, nämlich „... auf jeden Fall den Versuch zu machen, in diese Öfen und Kammern hineinzuschauen um zu wissen, was dort geschieht“, muss akzeptiert werden. Dass Gersteins Karriere in der SS ihn so zielstrebig nach Belzec und Treblinka führte, erscheint selbst, wenn man diesen Entschluss voraussetzt, als kaum glaubhaft, ohne diesen Willen und ohne diese Zielsetzung aber absolut unwahrscheinlich. Gerstein tat diesen Blick in den „Feuerofen des Bösen“, der seine zukünftige Bestimmung endgültig entschied: die Versuche, Zyklon-B-Lieferungen umzuleiten, unschädlich zu machen und zu sabotieren, die kirchliche Opposition und das Ausland zu alarmieren, schließlich als Zeitzeuge des Schrecklichen zu überleben. Das Leiden der Menschen, das er mit ansah, besiegte die auch bei ihm vorhandenen antisemitischen Ansätze; er sah nicht mehr den Juden, nur noch den leidenden und sterbenden, den gemordeten Menschen. Dass er weiter in der SS und auf seinem Posten seine Pflicht tat, damit zu Hitlers Krieg beitrug, dass er so auch schuldig wurde, kann angesichts der so einzigartigen Leistung Gersteins kaum gegen ihn eingewandt werden, war dies doch die Voraussetzung für seine Untergrundtätigkeit. Diesen Zwiespalt scheint er bewusst getragen haben; letztlich ist er in der französischen Haft, aber eben erst dort, wo man ihm nicht glauben wollte, an ihm zerbrochen. Peter Steinbach nennt Gerstein nicht ohne Grund „den Einzeltäter im Dilemma des exemplarischen Handelns“. 11


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