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Anmerkungen

So hatte sich Kurt Gerstein letztlich doch von dem zeitweise übermächtigen Vatervorbild emanzipiert. Die eben zitierten Briefe schickte Ludwig Gerstein, der Vater, am 24. Nov. 1946 an seine Schwiegertochter Elfriede, da sie, wie er glaubte, Kurt Gerstein entlasten würden. Hier gibt der Vater zu, dass Kurt gegenüber der Maxime des Vaters - „Die Verantwortung trägt der Befehlende, nicht der Ausführende. Ungehorsam gibt es nicht, Du hast zu tun, was Dir befohlen wird.“ - „mit Recht anderer Ansicht“ war. Allerdings habe er, der Vater, „solche Scheußlichkeiten, wie sie später aufgedeckt worden sind, nicht für möglich gehalten“.9

Aber auch Kurt Gerstein stand nicht in so unbedingter Opposition zu Nationalsozialismus und NS-Staat, wie es die eben zitierten Aussagen vermuten lassen könnten. Auch Kurt Gerstein erlangte erst allmählich die Einsicht in Taktik, Strategie und Ziele des Regimes; immerhin kam er doch schon 1938 in einem Brief an seinen Onkel Robert Pommer und dessen Sohn Robert 10 zu einer erstaunlich klarsichtigen Analyse der Situation in Deutschland. Dieser Brief, den Gerstein von einer Mittelmeerreise in die USA schickte, der also nicht die deutsche Zensur durchlief, erlaubte ihm deutliche Worte: Klar erkennt und benennt er den Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus, der „den Menschen in allen seinem Wesen nach Leib und Seele restlos erfassen und beherrschen“ wolle; entsprechend halte man „jede ernsthafte Bindung an Gott für höchst überflüssig und schädlich“. Praktisch unternehme der Nationalsozialismus einen Frontalangriff auf den christlichen Glauben: „Es handelt sich darum auch gar nicht mehr um frühere Fronten: Hier Deutsche Christen, dort Bekenntniskirche oder Niemöller, sondern darum: soll das deutsche Volk, die deutsche Jugend, weiter in irgend einer ernst zu nehmenden Form etwas von Gott wissen und hören, oder soll sie nur an die Blutfahne, an Kult- und Weihestätten, Blut und Boden, Rassen glauben? Soll man in Deutschland wissen, daß Gerechtigkeit - hier ist wieder dieser für Gersteins Denken so bezeichnende Begriff ein übergeordneter, höherer Begriff ist, dem Zugriff des Menschen entzogen ... und daß derjenige, der Recht spricht, dies in der Vollmacht und der Verantwortung vor dem Höchsten Richter tun muß. Oder ist ‘Recht das, was dem Volke nützt’, ist es eine einfache Zweckmäßigkeitssache, ist die Justitia eine Hure des Staates?“ Dagegen habe die kirchliche Opposition nur die Rechte zu verteidigen gesucht, die der Kirche vom Staat garantiert worden seien: „Wir haben von vornherein den Nationalsozialismus politisch weitestgehend bejaht ... Wir alle haben uns bemüht, wo wir Widerstand erleben mußten, nicht den politischen Nationalsozialismus zu treffen ... Aber wir waren der gegen uns anstürmenden Unwahrhaftigkeit und verlogenen Zielklarheit leidenschaftlicher Gegner ausgesetzt.“ Trotzdem sei Widerstand nicht sinnlos, weil das Regime „das Urteil der Öffentlichkeit im Ausland und im Inland zu fürchten hätte. ... So wird das Gewissen der Nation doch einigermaßen wach gehalten und noch Schlimmeres verhütet.“


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