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Anmerkungen

Auf der anderen Seite aber war Kurt Gerstein auch ein die Wahrheit in quälender Selbstprüfung Suchender, der sich immer wieder mit den Anforderungen, die er selbst an sich und andere an ihn richteten, auseinandersetzte. Seine Briefe kennen nicht nur den hohen Ton der Selbstrechtfertigung und Kritik an anderen, sondern auch den dunkleren - und wohl wahreren - der Auseinandersetzung mit den Erwartungshaltungen seiner Familie und den Forderungen seines Glaubens, ja seines Gottes. Vor allem in dem Brief vom 6. März 1934 an seinen Freund Alfred Bensch, in dem er diesem seine Zuneigung zu dessen Schwester Elfriede gesteht, gibt er einen ausführlichen und stellenweise schonungslosen Bericht über sich, seine jugendlichen Irrwege und seinen Weg zurück zum Glauben.6 Hier ist es nicht der großsprecherische, sondern jener andere eher unsichere und suchende Kurt Gerstein, der mit Aufrichtigkeit und Selbsterkenntnis über sich spricht. Sein Glauben an Gott, an Christus, ist ein fester und gefestigter, gerade weil er ihn sich schwer erkämpft hat, und dieser bleibt auch - bei aller Unsicherheit und Versuchung im Einzelnen - der Leitfaden in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Anders als mancher Kirchenführer, auch der Bekennenden Kirche, war Gerstein nicht bereit, hier Abstriche zu machen und Kompromisse einzugehen.

Auch im Schriftwechsel mit seinem Vater zeigt sich ein zunehmender Wille zur Unbedingtheit. Die schlichte Beamtenweisheit seines Vaters, man habe eben zu gehorchen, die Verantwortung trage dann der Vorgesetzte, vermag Gerstein immer weniger zu befolgen. Die beiden Briefe vom 5. März und (undatiert) vom Herbst 1944 zeigen ihn in selbstbewusstem Gegensatz zu seinem Vater: Er wirft ihm vor, die sittlichen Grundlagen, die er selbst der Erziehung seiner Kinder zugrunde gelegt hatte, nun zu verlassen: „Was mir so außerordentlich schwierig ist, ist dies, zu begreifen, wie dem Zweck so nahezu jede Hemmungen, Begriffe und Massstäbe geopfert werden.“ Und er beruft sich auf die Ideale der Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, auf das Gewissen: „Mögen dem einzelnen auch noch so enge Grenzen gesetzt sein und mag in vielem die Klugheit als die vorherrschende Tugend befolgt werden, niemals dürfte der einzelne seine Massstäbe und Begriffe verlieren.“ Schließlich weist er, der Sohn, den Vater darauf hin, dass auch er für seine Zeit, für das Geschehen in ihr, mit geradestehen müsse, und dieser Zeitpunkt könne eher als erwartet kommen. 7 Gerstein setzt gegen Pflichtbewusstsein und Verantwortungsflucht des Vaters die eigene Entscheidung, Befehle nicht zu befolgen: „Ich habe meine Hände zu nichts hergegeben, was mit diesen allem zu tun hat. Wenn ich und soweit ich derartige Befehle erhielt, habe ich sie nicht ausgeführt und die Ausführung abgedreht. Ich selbst gehe aus dem ganzen mit reinen Händen und einem engelreinen Gewissen heraus. Das ist mir ausserordentlich beruhigend. Und zwar: Nicht aus Klugheit! Was heißt hier sterben? Sondern aus Prinzip und Haltung: ‘Habe Du nichts zu schaffen ...’“ 8

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