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Anmerkungen

Die Ambivalenz widerständigen Verhaltens zeigt sich auch im Schicksal Kurt Gersteins, und sie wird um so deutlicher, als wir eine Fülle autobiographischer Quellen, zumeist Briefe, von ihm haben, wie sie in dieser Anzahl bei kaum einem anderen Widerständler vorhanden sein mögen. Aber diese Quellen sprechen keine einheitliche Sprache; das liegt an den jeweiligen Zeitumständen, an den Adressaten seiner Briefe und besonders auch an der Person Kurt Gersteins selbst. Kurt Gerstein war ein nicht unbegabter Selbstdarsteller, sein Hang zur großen Pose, die Betonung der Bedeutung seiner Person und seiner Tätigkeiten im jeweiligen Umfeld dürften nicht immer der Wirklichkeit entsprochen haben. Sein Hang zu großen Auftritten, seine finanzielle Großzügigkeit, ja manchmal eine gewisse überhebliche Egozentrik sind durchaus bemerkbar. Es fragt sich, ob hier nicht eine Prädisposition für seinen Widerstand liegt.

Aus dem Jungen, der in der Familie und der großen Geschwisterzahl um Anerkennung kämpft, wird der Schüler, der - trotz intellektueller Begabung - eher durch tolle Streiche als durch schulische Leistung auffällt, ja auffallen will. Früh stellt er sich in Opposition zu den Vorbildern und Leitvorstellungen, die die bürgerlich-konservative Welt der Familie und des Familienverbandes Gerstein prägen. Auch in den Schülerbibelkreisen und in der Berufsausbildung macht er durch spektakuläre Aktionen von sich reden, er fällt, nicht immer positiv, auf; er will sich unterscheiden, will bemerkt werden, will anders und etwas Besonderes sein. Leicht ist nicht mit ihm auszukommen, und auch gegenüber Vorgesetzten zeigt er nicht immer den erwarteten Respekt. Ob er sich und seine Situation immer richtig einschätzt, dürfte bisweilen fraglich sein; zu groß ist mitunter die Diskrepanz, etwa in der schwierigen beruflichen Phase nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst als Bergassessor, zwischen seinen hochfliegenden Plänen und der eher kargen Wirklichkeit. Und eher fühlt er sich verkannt und angefeindet, als dass er die Ursachen dafür auch bei sich zu suchen bereit ist. Eine gewisse grundständige Oppositionshaltung ist bei ihm auch schon vor der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus erkennbar, und sie mag seinen Weg in den Widerstand begünstigt haben. Vielleicht war er viel unsicherer und weniger in sich ruhend, als er sich - dies kompensierend - in seinen Briefen und Schriften selbst darstellte; in Plänen und Träumen sah er sich in ganz anderen Positionen, als er sie wirklich bekleidete, und nicht zuletzt im Widerstand als derjenige, der übrigblieb und - vielleicht als einziger - Zeugnis ablegen konnte.


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