[1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10]
zurückzum Anfang weiter
Anmerkungen

Dass Gerstein lange auch an das Gute im Nationalsozialismus, oder besser: an das Gute auch in Nationalsozialisten geglaubt hat, darf nicht verwundern: Politisch erfüllte der Nationalsozialismus die Wünsche eines konservativ-nationalen Bürgertums, aus dem auch Gerstein kam, und er band viel und vor allem jugendlichen Idealismus, den auch Gerstein hoch einschätzte, in welchem Lager auch immer. In den Jahren des Nationalsozialismus aber erstarkte seine Einsicht in die grundlegende Gottferne von Ideologie und NS-Staat - eine um so erschütterndere Erkenntnis, als eben der Glaube an Gott und seine Gerechtigkeit ein, vielleicht der Kern von Gersteins Weltauffassung war. Was er in der SS erlebte, führte ihn dann zu einem verdeckten, aber nichtsdestoweniger aktiven Widerstand, den er bis zum Schluss durchhielt: ein SS-Offizier, der kriegswichtige Arbeit tat, aber gleichzeitig sabotierte und informierte. Mehr konnte er nicht tun, und was er tat, blieb weitgehend folgenlos. Als SS-Offizier verlor er den Anschluss an die BK, nicht die Verbindung zu einzelnen BK-Mitgliedern, und er fand nicht den Kontakt zu anderen Widerstandsgruppen. Er blieb allein, ein Einzeltäter, und führte ein Leben „auf des Messers Schneide“. „Resistent“ gegenüber dem Nationalsozialismus war er nicht immer und nicht von Anfang an, „verweigert“ hat er sich zunächst nur partiell und sektoral, aber er fand in der Konfrontation mit dem Massenmord doch zu der einzigartigen und nur ihm möglichen Widerstandstätigkeit, für die uns nun doch letztlich der Begriff fehlt.

(Prof. Dr. Bernd Hey)

zurückzum Anfang weiter
Anmerkungen
[1] [2] [3] [4] [5] [6] [7] [8] [9] [10]