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Anmerkungen

Zum Widerstand Kurt Gersteins

Lange Zeit ist die Diskussion um den Widerstand gegen den Nationalsozialismus nun bestimmt gewesen durch das Ringen um Begriffe und Definitionen: aktiver und passiver Widerstand (Dieter Ehlers)1, Widerstand und Resistenz (Martin Broszat)2, politische Opposition - gesellschaftliche Verweigerung - weltanschauliche Dissidenz (Richard Löwenthal) 3, Nonkonformität, Dissens und Devianz (u.a. Thamer/Schlögl). 4 Zu all diesen und anderen Begriffen 5 gibt es auch die positiven Gegenbegriffe: Anpassung, Konformität, Konsens usw. Das Problem ist nur, dass kaum eine Widerstandsgruppe und erst recht kaum ein einzelner „Widerständler“ sich ganz auf einen dieser Begriffe festlegen, sich mit einer dieser Bezeichnungen definieren lässt: Zu sehr überwiegen die Überschneidungen, so sehr liegen oft konträr erscheinende Verhaltensweisen in jedem untersuchten Fall neben- und übereinander. Die möglichen Herausforderungen durch das NS-System treffen auch bei Einzelpersonen und anscheinend homogenen Gruppen auf sehr unterschiedliche Reaktionen und Antworten; Zustimmung und Ablehnung, Mitmachen und Widerstand können durchaus parallel, aber abhängig von der speziellen Art der Herausforderung und der Position des potentiellen Gegenspielers zusammen auftreten. Das erschwerte den grundsätzlichen und totalen Widerstand, das zwang zu qualvollen Selbstdefinitionen und zweifelvollen Standortbestimmungen. Der kirchliche Widerstand ist dafür ein besonders gutes Beispiel: So entschlossen er bei Eingriffen in den innerkirchlichen Bereich, in der Verteidigung von Bekenntnis und Kirchenordnung agieren konnte, so unsicher blieb er in der Beurteilung der nicht direkt kirchlich bezogenen Aktivitäten des Regimes und trug sie z.T. begeistert und zustimmend mit - auch wenn sich vielleicht eine Ahnung (wie eine Form schlechten Gewissens) davon hielt, dass ein totalitäres Regime mit seinem allumfassenden ideologischen Anspruch auch eine totale Herausforderung für eine christliche Kirche, die ebenfalls und grundsätzlich den ganzen Menschen erfassen und gestalten will, bedeuten musste.

Auf der anderen Seite setzte das Regime die Maßstäbe: Wo es sich durch Abstinenz, Ablehnung, Auflehnung und Verweigerung herausgefordert fühlte, wurde sogar nicht als Widerstand intendiertes Verhalten zur Widersetzlichkeit, zum Affront, zum Reagenz für staatliches Eingreifen. Nicht ohne Grund haben daher Broszat Widerständigkeit vom Konflikt und Thamer vom Delikt her definiert; damit akzeptieren sie aber auch die Sichtweise des NS-Regimes. Nicht das Wollen des einzelnen oder einer Gruppe, sich zumindest teilweise den Ansprüchen und Forderungen des Regimes zu entziehen, sondern dessen Einschätzung durch eine misstrauisch-argwöhnische Regierung setzte die Maßstäbe, und so fand sich mancher als Widerständler eingeschätzt und verfolgt, der sich selbst eigentlich gar nicht so sehr im Widerspruch zur Obrigkeit gesehen hatte.

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