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Rehabilitierung Kurt Gersteins

Die Nachricht vom Kurt Tod Gersteins in dem französischen Militärgefängnis Cherche-Midi erreichte die Witwe Elfriede Gerstein erst ein Jahr später. Zwei Tage zuvor hatten Freunde, wie der schwedische Diplomat Baron von Otter, die Suche nach Kurt Gerstein eingeleitet.
Am 17. August 1950 lehnte die Spruchkammer in Tübingen eine Rehabilitierung "des Nazis Gerstein" ab. Gerstein galt somit als "Belasteter" und Elfriede Gerstein verlor ihren Anspruch auf die Rente.
Den von Gerstein in Haft verfassten Bericht wurde zwar schon 1946 bei den Nürnberger Prozessen als Beweismittel zugelassen und verwendet, er wurde aber erst 1955 von Léon Poliakov in seinem Buch "Das Dritte Reich und die Juden" im vollständigen Wortlaut veröffentlicht. Dennoch wurde das Schicksal Gersteins der breiten Bevölkerungsmasse nicht bekannt. Ein erster Schritt in diese Richtung geschah zunächst mit der Uraufführung von Rolf Hochhuts Drama "Der Stellvertreter" 1963. Im darauf folgenden Jahr veröffentlichte der Jugendfreund Gersteins Helmut Franz dessen Kurzbiographie.
Erst 1965 - 20 Jahre nach seinem Tod - endete die erste Phase der Rehabilitierung. Nach langem Kampf, der von Elfriede Gerstein, Herbert Weißelberg und Präses der Westfälischen Landeskirche Ernst Wilm angeführt wurde, stufte der baden-württenbergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger Gerstein als "Entlasteter" ein. Elfriede Gerstein wurden dennoch erst 1969 ihre Wiedergutmachungsansprüche anerkannt.
Weitere Publikationen folgten: 1985 fand zum ersten Mal eine Ausstellung zum Leben Kurt Gersteins statt - Ausstellungsort war das Evangelische Landeskirchenarchiv in Bielefeld.
Anlässlich des 50. Todestages gründete sich 1995 in Berchum der "Kurt Gerstein Förderkreis", in welchem während der folgenden Jahre wissenschaftliche Vorträge und Diskussionen gehalten wurden. Am 7. April 2000 eröffnete die Wanderausstellung "Kurt Gerstein - Widerstand in SS-Uniform" in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Die Ausstellung ist auch heute noch unterwegs.
Der Film "Amen. Der Stellvertreter" von Costa-Garvas ist vorerst die letzte Station der Rehabilitierung Gersteins. Im Februar 2002 in Paris und im Mai desselben Jahres in Bielefeld fand jeweils die Premiere des Filmes statt.

Die Rehabilitierung Kurt Gersteins ist auch heute noch nicht vollständig abgeschlossen. Das Drama, der Film und die Ausstellungen haben dennoch ihren Teil dazu beigetragen.
Die These, ein SS-Offizier sei ein Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime gewesen, verlangt nach einer breiten Auseinandersetzung sowohl mit der Person Gerstein, als auch mit dem Zeitgeist der deutschen Bevölkerung, der bis vor den ersten Weltkrieg zurückreicht. Es gestaltet sich schwierig den Widerstand eines SS-Offiziers öffentlich zu würdigen, ohne gleichzeitig im Detail zu erläutern, dass es einen solchen Widerstand tatsächlich gegeben hat und wie er im Kontext anderer Widerstandsformen einzuordnen ist.
Dennoch bleiben häufig Fragen unbeantwortet, sodass die Person Gerstein heute noch von Historikern kontrovers diskutiert wird.

(Aus: Bernd Hey, Matthias Rickling, Kerstin Stockhecke, Kurt Gerstein (1905 - 1945). Widerstand in SS-Uniform - Katalog zur Ausstellung, Bielefeld 2005³)

Weitere Informationen zum Rehabilitierungsprozess Kurt Gersteins in der Nachkriegszeit sind aktuell folgender wissenschaftlicher Arbeit zu entnehmen:

Felix Dreyer: "Kurt Gerstein. Vom Täter zum Widerstandskämpfer.
Der Rehabilitierungsprozess Kurt Gersteins im Wandel der Beurteilung von Widerstand in der Nachkriegszeit", in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte 98 / 2003, 315-367.

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