Kurt Gerstein – der „Spion Gottes“ („Denkanstoß“ für RP MG 2.7.2010)

So hat ihn sein französischer Biograph Pierre Joffroy genannt. Am vergangenen Sonntag ging eine dreiwöchige Ausstellung über Kurt Gerstein in der Martin-Luther-Kirche Rheindahlen zuende, die von der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Mönchengladbach e.V“ und der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen“ (ACK) gemeinsam veranstaltet worden war und weit über 500 Besucher anlockte.
Wer war dieser Kurt Gerstein? 1905 in Münster geboren engagierte sich der studierte Bergbauingenieur in der evangelischen Jugendbewegung und der Bekennenden Kirche. Er wurde von der SA zusammengeschlagen, als er in einem Theater öffentlich gegen die Verunglimpfung des christlichen Glaubens durch das antichristliche Drama „Wittekind“ protestierte. Als 1933 die evangelischen Jugendverbände mit Billigung des den Nazis hörigen so genannten Reichsbischofs Müller in die Hitlerjugend zwangsüberführt wurden, protestierte Gerstein in einem Telegramm an Müller mit den Worten: „Preisgabe Evangelischen Jugendwerkes an Reichsbischof. Kirche stirbt von Bischofs Hand. In Scham und Trauer über solche Kirche Christi. Gerstein“. Es konnte nicht ausbleiben, dass ein so mutiger Mann zweimal von den Nazis verhaftet wurde. Er kam zwar wieder frei, aber wollte nicht länger zuschauen, sondern etwas tun. Zu seiner Frau sagte er: „Man kann die Nazis nicht in Frack und Anzug bekämpfen“. Und dann kam er auf die wahnwitzige Idee ,als „Spion Gottes“ hinter die Kulissen zu schauen , direkt hineinzublicken in die „Feueröfen des Bösen“. Das konnte er aber nur, indem er selbst den Schritt wagte mitten hinein in das Terror-System der Nazis. Dass er diese Absicht hatte, teilte er vielen seiner Freunde von der Bekennenden Kirche mit. Sie wollten ihn von diesem irrsinnigen Schritt abhalten, aber es gelang ihnen nicht. So trat Kurt Gerstein 1941 in die Waffen- SS ein, als „Spion Gottes“. Im Hygiene-Institut der Waffen-SS wurde er Chef der Abteilung „Gesundheitstechnik“ und gelangte so in die Vernichtungslager Belzec und Treblinka, wo er Augenzeuge der Massenvergasung von Juden wurde. Zutiefst erschüttert erzählte er noch auf der Heimfahrt einem Mitglied der schwedischen Botschaft, Baron von Otter, den er zufällig im Zug traf, von seinem schrecklichen Erlebnis. Zuhause berichtete er Mitgliedern der Bekennenden Kirche. Über Freunde aus dem holländischen Widerstand versuchte er, die niederländische Exilregierung mit Sitz in London zu informieren, damit auf diese Weise auch die Alliierten von der furchtbaren Massenvernichtung der Juden in Deutschland unterrichtet werden sollten. Er forderte den Abwurf von Flugblättern über Deutschland, in denen das deutsche Volk über das grausige Morden aufgeklärt werden sollte. Er bat darum, die Zufahrtswege zu den Massenvernichtungslagern zu bombardieren, um so den Transport der Menschen dorthin zu verhindern. Aber alles war vergebens.1945 stellte er sich freiwillig den Franzosen, weil er als Zeuge aussagen und über das furchtbare Geschehen berichten wollte. Er schrieb darüber den „Gerstein-Bericht“, in dem er seine schrecklichen Erlebnisse niederlegte. Es ist der einzige Bericht, der von einem Augenzeugen, der selbst nicht Täter oder Opfer war, existiert. Aber man glaubte ihm damals nicht. Er wurde als Täter angeklagt. Am 25. Juli 1945 fand man ihn erhängt in der Zelle eines Pariser Militärgefängnisses. Zwei Tage vorher hatte Baron von Otter die Suche nach ihm eingeleitet. Hätte Kurt Gerstein aussagen können, dann wären viele Nazis in Deutschland und Frankreich verurteilt worden. So aber hieß es, er habe Selbstmord begangen. Seine Familie wurde nicht von seinem Tod unterrichtet, sie erfuhr erst zwei Jahre später davon, dass Kurt Gerstein tot war.1963 wurde er durch Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ bekannt.1965 wurde Gerstein in Deutschland rehabilitiert. 2002 drehte der bekannte Regisseur Costa Gavras mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle einen beeindruckenden Film über Kurt Gerstein mit dem Titel „Der Stellvertreter“. Selten hat mich innerlich etwas so bewegt wie das Leben dieses Mannes. Sein Motto war: „Man muss den Mund aufmachen!“ Sein zweites: „Wo ist dein Bruder?“
Und das ist der Denkanstoß, den mir das Leben dieses Mannes gegeben hat: nicht weggucken, wenn an Menschen Unrecht geschieht, sondern den Mund aufmachen und klug und überlegt handeln. Kurt Gerstein hat das getan. Dass sein Handeln keinen Erfolg hatte, lag nicht an ihm, sondern an den Menschen, die weggeschaut und geschwiegen haben. D a s ist es, was mich zutiefst erschüttert.

Hans-Ulrich Rosocha
 

 

Zur Ausstellung in Mönchengladbach 2010

Die Kurt-Gerstein-Ausstellung konnte in Mönchengladbach-Rheindahlen 547 Besucher begrüßen.

 

Zur Ausstellung in Krefeld 2010


 

Ausstellung "Kurt Gerstein - Widerstand in SS-Uniform"
Das Stadtarchiv Krefeld zeigt zwischen dem 26. April und 4. Juni 2010 die Ausstellung „Kurt Gerstein - Widerstand in SS-Uniform".

Die Wanderausstellung des Landeskirchlichen Archivs der Evangelischen Kirche von Westfalen und des Förderkreises Kurt Gerstein in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand stellt die Biographie Kurt Gersteins (1905-1945) vor.

Gerstein, der in der „Bekennenden Kirche" aktiv war, wurde zu einem der wichtigsten Gegner des Nazi-Regimes, blieb aber gleichwohl ein Außenseiter des Widerstands. 1941 trat er der Waffen-SS bei. Er wollte die Verbrechen mit eigenen Augen sehen und dann „vor allen Leuten hinausschreien". Als Ingenieur und Mediziner machte Gerstein beim Hygiene-Institut der Waffen-SS Karriere und wurde in geheimer Mission in Vernichtungslager geschickt. Er sollte Vorschläge unterbreiten, wie Juden mit dem Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B vergast werden könnten. Gerstein versuchte fortan, die Giftlieferungen an die Vernichtungslager zu sabotieren. Laut dem Magazin „Der Spiegel" war er „am Tag der dienstbeflissene SS-Führer" und „am Abend der verbitterte Regime-Gegner".

Kurt Gerstein wurde von seinem Gewissen getrieben, Zeugnis abzulegen. Er informierte bereits 1943 ausländische Diplomaten und deutsche Kirchenvertreter über die Verbrechen. Sein später so genannter „Gerstein-Bericht" gelangte über den niederländischen Widerstand an die englische Regierung, doch blieben Reaktionen aus. Nach dem Krieg kam Gerstein in französische Gefangenschaft. Kurz darauf wurde er erhängt in seiner Zelle aufgefunden.

Gersteins widerspruchsvolle Lebensgeschichte diente als Vorlage für literarische Bearbeitungen, insbesondere für das Drama „Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth (1963). Die Rolle Gersteins im Gesamtspektrum des Widerstands war bis vor wenigen Jahren umstritten. Der Historiker Saul Friedländer urteilte über Kurt Gerstein: "Seine ‚Schuld' bestand darin, dass er allein war."

Die Ausstellung im Stadtarchiv wird ergänzt durch den Zeitzeugenbericht Hans Georg Hollwegs, der am 29. April im Rahmen der Vortragsreihe der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld in der Villa Merländer um 19.30 Uhr stattfindet. Hollweg lernte Kurt Gerstein in seiner Jugend kennen und hat bis heute die Rezeption in der Öffentlichkeit sowie im privaten Umfeld Gersteins - nicht zuletzt auch aufgrund seiner persönlichen Verbindung - mit großer Anteilnahme verfolgt.

Begleitend zur Ausstellung werden im Stadtarchiv die Dokumentation „Kurt Gerstein - Der Christ, das Gas und der Tod" von Claus Bredenbrock/ Pagonis Pagonakis (2007) und der Film „Der Stellvertreter" von Constantin Costa-Gavras (2002/03; ab 12 Jahren) vorgeführt (jeweils donnerstags 18.30 - 21.00 Uhr, Termine werden noch bekannt gegeben).
 

Quelle: Stadt Krefeld.

 

FAZ 28.4.2009

Leserbriefe in der FAZ vom 28.4.2009

Essay Marius Meller: Spionage in der Hölle. SS-Karriere und christlicher Widerstand: Saul Friedländers großer Essay über Kurt Gerstein
aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18. November 2007, S. 32 

Hayes Werner Abelshauser: Gas und Gold. Peter Hayes hat die Geschichte der Degussa im "Dritten Reich" überzeugend dargestellt
aus FAZ, 28. Dezember 2004, S. 6

 

18.9.-11.10.2009 Ausstellung in Kröpelin
Ausstellung „Kurt Gerstein – Anpassung und Widerstand“

Bürgermeister Hubertus Wunschik, Stadt Kröpelin und Probst Olaf Pleban, Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Kröpelin, präsentierten vom 18.09. bis 11.10.2009 die Ausstellung „Kurt Gerstein (1905 - 1945) – Anpassung und Widerstand“.
Die Eröffnung der Ausstellung war am Freitag, den 18.09.2009 um 19 Uhr in der Stadtkirche.
Begrüßung durch Bürgermeister Hubertus Wunschik und Probst Olaf Pleban.
Herr Hans-Georg Hollweg (*22.08.1929), dessen Familie engen Kontakt zu Kurt Gerstein pflegte, wird als Zeitzeuge über Kurt Gerstein berichten [www.hans-georg-hollweg.de]. Im Anschluss wird Constantin Costa-Gavras Film „Der Stellvertreter“ (2002, 122 Minuten, FSK 12) gezeigt.

Die Ausstellung war täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.
Filmvorführungen jeweils freitags 19 Uhr und nach Vereinbarung.
Führungen und Filmvorführungen für Schulklassen nach Vereinbarung.

Stadtkirche, Am Kirchenplatz, 18236 Kröpelin
Kontakt-Telefon: Stadt Kröpelin 038292 / 85 111

Weitere Informationen:
http://www.stadt-kroepelin.de/fileadmin/user_upload/Aktuelles/KURT_GERSTEIN1.pdf


Abb.: Besucherin der Gerstein-Ausstellung in der Stadtkirche Kröpelin
(Foto: J. Murken, 2009)

 

17.10.2007 Lehrerfortbildung
Lehrerfortbildung
KURT GERSTEIN, DER CHRIST, DAS GAS UND DER TOD

Einsatz des Films im Religions- und Geschichtsunterricht Ein neuer Film, den das LWL-Medienzentrum für Westfalen gemeinsam mit dem Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Matthias-Film gGmbH als DVD für die Bildungsarbeit herausgebracht hat, stellt das Leben und die Motive von Kurt Gerstein vor, der einmal ein „seltsamer Heiliger“ genannt wurde, weil er sowohl für, wie auch gegen den Nationalsozialismus handelte. Im Religionsunterricht eignet sich seine facettenreiche Persönlichkeit in besonderer Weise für die Auseinandersetzung mit der Frage, wie man sich selber bei der Wahl zwischen „Widerstand und Ergebung“ verhalten würde.

Als Gesprächspartner stehen nach dem Film der Historiker Ralf Blank, Mitarbeiter im historischen Centrum Hagen, und Hans - Rudolf Hermannsen, Vorsitzender des Förderkreises Kurt Gerstein, zur Verfügung.

Pfr. Jürgen Schäfers, Gerstein - Biograph und Interviewpartner im Film, stellt außerdem einen Unterrichtsentwurf vor, den er eigens für diesen Film entwickelt hat.

Termin Mi. 17. Oktober 2007, 16.00 – 18.30 Uhr
Ort Iserlohn, Varnhagenhaus, Piepenstockstr. 27

Referenten Jürgen Schäfers, Ralf Blank, Hans-Rudolf Hermannsen 
Leitung Bernd Gohlicke, Hans Hallwaß , Ulrich Vaorin

 

 

6.4.2007 Dokumentarfilm über Kurt Gerstein
Das Leben von Kurt Gerstein nahm wie das vieler Deutscher in der NS-Zeit eine schicksalhafte Wende. In die Geschichte ging er durch den ''Gerstein-Bericht'' ein, den er 1945 in französischer Gefangenschaft verfasste. Darin offenbarte er die Existenz der Vernichtungslager. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er der Widerstandsbewegung und den Alliierten Augenzeugeninformationen über das entsetzliche Geschehen im KZ Belzec zukommen lassen, in dem er selber tätig gewesen war.
Aber Gerstein, der die SS von innen unterwandern wollte, wurde Opfer seiner eigenen Strategie. Nach dem Krieg schenkte man ihm keinen Glauben. Aufgrund der Rechnungen, die ihn als Käufer von Zyklon B auswiesen, wurde er sogar für einen aktiven Vollstrecker der Vernichtung gehalten. Seine scharfsinnige Taktik blieb damals unverstanden. Wer sollte und konnte einem Mann in SS-Uniform trauen?
Kurt Gerstein hat leidenschaftliche Diskussionen ausgelöst: Zuerst galt er als Monstrum, dann als Held des Widerstands. Rolf Hochhuth verwendete Gerstein als Vorlage für eine Figur seines Theaterstücks ''Der Stellvertreter'' (1963). Damit lenkte er zwar Aufmerksamkeit auf den Fall, gab die biografischen Fakten aber nicht richtig wieder. Tatsächlich war Gersteins Leben sehr viel komplexer als all die Legenden, die sich um seine Geschichte ranken.
Sein bewegendes Schicksal ist vom großen humanistischen Erbe ebenso wie von der preußisch-lutherischen Tradition Deutschlands geprägt. Doch existierten Voraussetzungen in Deutschland, die die grauenvollen Taten der Nazis möglich, aber nicht unvermeidbar machten. An der tiefen Ambivalenz, die mit diesem Erbe verbunden war, sollte Gerstein schließlich zerbrechen. Nach der Gefangennahme wurde er in seiner Zelle in Paris erhängt aufgefunden. Bis heute ist nicht geklärt, ob es Selbstmord war, oder ob er ermordet wurde. So wirft das Ende seines kurzen Lebens eine letzte, vermutlich nie zu lösende Frage auf.
 

Info:
Kurt Gerstein - Zeuge der Wahrheit 
Dokumentarfilm Frankreich 2007, 75 min.
Regie: Philippe Labrune
Sendetermin: Karfreitag, 6. April 2007, 22.15 Uhr - 23.30 Uhr, ARTE (Erstausstrahlung)

 

29.1.2007 Westfälischer Zeuge des Holocaust. Neue DVD porträtiert Kurt Gerstein 
Eine der "merkwürdigsten, widersprüchlichsten und auch unheimlichsten Figuren des Widerstands im "Dritten Reich" hat der Schauspieler Ulrich Tukur Kurt Gerstein genannt. Jetzt erinnert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit einem Filmporträt an den in Münster geborenen Augenzeugen des Holocaust, der viele Bezüge nach Hagen besaß und besitzt, wie zum Beispiel das Kurt-Gerstein-Haus in Hagen-Berchum.
"Das Leben Kurt Gersteins ähnelt einer Achterbahnfahrt", urteilt Dr. Markus Köster, Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen, das den Film gemeinsam mit dem Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Matthias-Film gGmbH als DVD für die Bildungsarbeit herausgebracht hat.
Gersteins Elternhaus steht auf der Heerdestraße in Münster. Hier wurde er am 11. August 1905 als Sohn des Landgerichtspräsidenten Ludwig Gerstein und seiner Frau geboren und hier verlebte er die ersten sechs Jahre seines Lebens. In den 1920er Jahren fand Gerstein, dessen Jugend von häufigen Umzügen geprägt war und der vielleicht auch deshalb als schwieriges Kind galt, seine geistige Heimat in der protestantischen Jugendbewegung. Nach einem Bergbaustudium wurde er 1933 auf Drängen der Familie, aber auch aus beruflichen Gründen, Mitglied der NSDAP. Noch im gleichen Jahr protestierte Gerstein, der inzwischen in Hagen lebte, als Bundesführer im Bund Deutscher Bibelkreise heftig gegen die Eingliederung der evangelischen Jugend in die HJ. Drei Jahre später führte seine andauernde Kritik an antichristlichen Tendenzen des nationalsozialistischen Regimes zu seinem Ausschluss aus der NSDAP; es folgten mehrere Festnahmen, KZ-Haft und ein Berufsverbot. 
1941 vollzog sich dann eine weitere, ausgesprochen überraschende Wende in Gersteins Leben: Als Freiwilliger trat er in die Waffen-SS ein. Seinen konsternierten Freunden erklärte er, einen Blick hinter die Kulissen des Terrorregimes, "in die Feueröfen des Bösen" tun zu wollen. Im Hygiene-Institut der Waffen-SS machte Gerstein rasch Karriere und gelangte schließlich tatsächlich in die Vernichtungslager Belzec und Treblinka, wo er Augenzeuge der Massenvergasung von Juden wurde. Tief geschockt versuchte er die internationale Öffentlichkeit zu informieren, fand aber kaum Gehör. 
Nach dem Krieg galt er zunächst als "belastet"; erst 1965 wurde er rehabilitiert. "Bis heute lässt Gersteins erstaunliche Biografie immer noch viele Fragen offen, seine Person sperrt sich gegen alle gängigen Täter-Opfer-Kategorisierungen der nationalsozialistischen Zeitgeschichte" so Markus Köster.
Am 29. Januar 2007 wurde die DVD-Edition in Anwesenheit von Hagens Oberbürgermeister Peter Demnitz, LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch und dem Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß (Foto oben: Stefan Querl), im Historischen Centrum Hagen erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Anschluss an die Filmvorführung diskutierten Alfred Buß und der Filmemacher Claus Bredenbrock gemeinsam mit den beiden Historikern Bernd Hey und Ralf Blank über Gersteins Rolle und Position in der Gesellschaft (Foto unten: Stefan Querl).

Info:
Zum Preis von 14,90 Euro plus Versandkosten (bzw. 45 EUR mit dem Recht zur Öffentlichen Vorführung und zum Verleih) kann die DVD mit Begleitheft beim LWL-Medienzentrum für Westfalen (medienzentrum@lwl.org, Fax: 0251/591-3982) oder im Buchhandel erworben werden.

 

23.6.2005 EKD würdigt protestantischen Widerstandskämpfer Kurt Gerstein
Hannover (epd). Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat den christlichen Widerstandskämpfer und SS-Offizier Kurt Gerstein (1905-1945) gewürdigt. Als Zeuge der Judenvernichtung habe Gerstein bis ins Gefängnis versucht, «das Schlimme» zu verhindern und aufzudecken, betonte der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, in einer Würdigung, die am Donnerstag in Hannover veröffentlicht wurde. Darin schreibt Huber: «Noch immer ist er einer der unbekannten Widerstandskämpfer aus christlicher Gesinnung, ein protestantischer Einzeltäter mit dem Ursprung in der Bekennenden Kirche.» 
Der Ratsvorsitzende rückt den auch als «Spion Gottes» bezeichneten Gerstein in die Nähe des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Wie Bonhoeffer habe er frühzeitig die grundsätzliche Unvereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus erkannt: «Beide verließen damit den vorsichtigen Kompromisskurs von Teilen der Bekennenden Kirche zwischen Anpassung und Protest.» Anlass der Würdigung ist der 60. Todestag Gersteins, der sich im Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi am 25. Juli 1945 erhängt hatte.

Sein Lebensweg wurde einer breiteren Öffentlichkeit durch das Drama «Der Stellvertreter» (1963) von Rolf Hochhuth bekannt, in dem er eine zentrale Rolle einnimmt. Geboren wurde er am 11. August 1905 im westfälischen Münster als sechstes Kind des Landgerichtspräsidenten Ludwig Gerstein und seiner Frau Klara. Als Schüler kommt er mit Schülerbibelkreisen und der evangelischen Jugendarbeit in Kontakt. Seit Mai 1933 Mitglied der NSDAP, protestierte Gerstein offen gegen die Auflösung der evangelischen Jugendbünde durch die Nationalsozialisten und schloss sich der Bekennenden Kirche an.

Wegen dieser wiederholten Proteste wird Gerstein 1936 in Saarbrücken von der Gestapo verhaftet. Der Ausschluss aus der Partei markierte das Ende seiner Karriere als Bergassessor. Gerstein beginnt in Tübingen mit dem Medizinstudium. Um mehr Informationen über die Euthanasieprogramme zu erhalten, meldete er sich 1940 als Freiwilliger zur SS.

Als Chef der Abteilung Gesundheitstechnik des Hygiene-Institutes der Waffen-SS war er auch mit der Beschaffung des Giftgases Zyklon B beauftragt und besichtigte im August 1942 die Vernichtungslager der «Aktion Reinhard». Dabei wurde Gerstein Zeuge von Massenvergasungen und informierte ausländische Diplomaten sowie hochrangige Kirchenvertreter über die Verbrechen in den Vernichtungslagern.

Von der Entnazifizierungs-Spruchkammer in Tübingen wurde Gerstein nach seinem Tod als «belastet» eingestuft. Der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Kurt-Georg Kiesinger ordnete ein Jahrzehnt später eine Überprüfung des Falles Gerstein an, die vor 40 Jahren zu dessen Rehabilitierung führte.

23. Juni 2005

Quelle: Homepage der EKD
 

 

15.4.2003 Gerstein-Video "Der Stellvertreter" seit April 2003 im Handel
Ein Jahr nach der Berlinale 2002 und der französischen bzw. deutschen Uraufführung steht der Film "Der Stellvertreter" von Konstantin Costa-Gavras nun auch für die kirchliche Bildungsarbeit zur Verfügung. Der Concorde Filmverleih hat zusätzlich auch eine DVD herausgegeben, die neben dem Film auch ein sog. "Making of" enthält mit verschiedenen Dokumentationen zur Rolle des Papstes Pius XII., zur Judenverfolgung und mit Informationen zum Film und zu den Schauspielern. Damit kann nun ein attraktives Medienpaket geschnürt werden:
Video und DVD sind über den Fachhandel bzw. die Firma Concorde Home Entertainment, Rosenheimer Straße 143b/XI, 81671 München, zu beziehen. 
Die Ausstellung und der dazugehörige Begleitkatalog können beim Landeskirchlichen Archiv Bielefeld, Altstädter Kirchplatz 5, 33602 Bielefeld, angefordert werden; 
Der Begleitkatalog: Bernd Hey/Matthias Rickling/Kerstin Stockhecke, Kurt Gerstein (1905-1945). Widerstand in SS-Uniform, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2000 ff, ISBN 3-89534-328-5, ist auch im Buchhandel erhältlich. 
Außerdem haben die Evangelische Stadtakademie Bochum und der Förderkreis Kurt Gerstein eine didaktische Arbeitshilfe mit Materialien zur Biographie Gersteins und zum genannten Film erstellt: Jürgen Schäfer/Ingo Stein/Rudolf Tschirbs, Kurt Gerstein (1905-1945). Anpassung und Widerstand, Bochum 2002, zu bestellen bei der Evangelischen Stadtakademie Bochum, Klinikstraße 20, 44791 Bochum oder beim Förderkreis Kurt Gerstein in der Evangelischen Schülerinnen- und Schülerarbeit in Westfalen, Ergster Weg 59, 58093 Hagen. 

Ferner sei auf die erste wissenschaftlich präzise deutsche Biographie Gersteins hingewiesen: Jürgen Schäfer, Kurt Gerstein - Zeuge des Holocaust. Ein Leben zwischen Bibelkreisen und SS, Luther-Verlag, Bielefeld 1999, ISBN 3-7858-0407-5, hingewiesen.