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Tatsächlich gelang es Gerstein, seiner ursprünglichen Absicht entsprechend einen Blick in die Konzentrationslager zu tun. Er erhielt den dienstlichen Auftrag, bei Erprobungen des Zyklon-B-Gases, mit dem in Belzec und Treblinka Häftlinge umgebracht wurden, anwesend zu sein. Die Erlebnisse in Belzec und Treblinka hat er später in dem sogenannten Gerstein-Bericht niedergelegt, in dem er ausführlich und eindrucksvoll die Mordversuche einmal mit Autoabgasen, zum anderen mit Zyklon B schildert. Auf der Rückfahrt von Treblinka traf er am 20. August 1942 im Zuge den schwedischen Gesandtschaftsrat Baron von Otter, dem er seine Erlebnisse erzählte mit der Bitte, diese an das Ausland weiterzugeben. Dies hat von Otter auch getan. Ein Versuch, in ähnlicher Absicht den Apostolischen Nuntius in Berlin zu treffen, scheiterte. Doch ist belegt, dass Kurt Gerstein die Spitzen der Bekennenden Kirche, Mitglieder des niederländischen Widerstandes und den schweizer Diplomaten Paul Hochstrasser informiert hat. Gleichzeitig hat er versucht, Zyklon-B-Lieferungen, die er über sich selbst leitete, zu sabotieren, indem er sie für zersetzt erklärte, sie für die eigene Entwesungsarbeit verbrauchte oder beseitigte.

Die Tarnung als „Spion Gottes“, wie sein französischer Biograph Joffroy ihn genannt hat, hat er während des ganzen Krieges unter großen Anstrengungen durchgehalten. Bei Kriegsende hat er versucht, nach Tübingen, wo seine Familie lebte, zu gelangen; seine Absicht war offenbar, sich den amerikanischen Truppen zu stellen. Er wurde aber von französischen Truppen in Rottweil interniert. Dort hatte er von Ende April bis Ende Mai 1945 im „Hotel zum Mohren“ den berühmten Gerstein-Bericht als Augenzeugenbericht seiner Erlebnisse in Belzec und Treblinka niedergelegt, und zwar in mehreren Fassungen: deutsch, englisch und französisch. War die Haft in Rottweil noch eine ehrenvolle Internierung, die auch ihm eine gewisse Bewegungsfreiheit ließ, so änderte sich das, als er unter der Anklage von Kriegsverbrechen, Mord und Mittäterschaft in das Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi eingeliefert wurde. Die Verhöre, die Einzelhaft und die schlechten Haftbedingungen scheinen seinen Selbsterhaltungstrieb gebrochen zu haben. Neben Krankheitserscheinungen (Gerstein war zuckerkrank) scheint ihn vor allem die Ungewissheit über sein Schicksal zermürbt zu haben und die Verzweiflung darüber, dass er, der er immer als Zeuge der NS-Verbrechen gelten wollte, nun selber solcher angeklagt wurde. Am 25. Juli 1945 wurde Gerstein morgens in seiner Zelle erhängt aufgefunden, doch haben ominöse Begleitumstände immer wieder zu Zweifeln daran geführt, ob es sich wirklich um Selbstmord gehandelt hat. Eine wissenschaftliche Klärung steht aus, doch muss seriöserweise doch von der Selbstmordtheorie ausgegangen werden. Sein Tod ist um so tragischer, als bereits die Suche nach ihm, initiiert von Baron von Otter, angelaufen war. Gerstein wurde offenbar auch als Zeuge für den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gesucht. Seine Familie erfuhr erst ein Jahr nach seinem Tode davon. Bei dem für den Rentenanspruch seiner Witwe wichtigen Entnazifizierungsverfahren erkannte die Spruchkammer in Tübingen auf „Belastet“, so dass Elfriede Gerstein sich und die Kinder mühsam mit eigener Arbeit durchbringen musste. 1953 wurde der Gerstein-Bericht zum ersten Mal in den renommierten Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte veröffentlicht. 1961 wurde Gerstein noch bekannter, als Rolf Hochhuth in seinem Stück „Der Stellvertreter“ ihn als evangelischen Partner des katholischen Pater Riccardo auftreten ließ. Beide versuchen ja bekanntlich in dem Stück, den Papst zum Eingreifen gegen die Judenmorde zu bewegen. Zwei französische Biographien von Saul Friedländer und Pierre Joffroy, die auch ins Deutsche übersetzt wurden, sowie eine kurze Biographie seines Jugendfreundes Helmut Franz führten dann doch zu einer quasi Rehabilitierung. 1965 reihte Kurt Georg Kiesinger, damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Gerstein gnadenhalber in die Gruppe der Entlasteten ein. Damit war eine lange Kampagne zur Rehabilitation von Kurt Gerstein zu Ende gegangen, die vor allem von seiner Witwe Elfriede Gerstein, vom westfälischen Präses Ernst Wilm und von den Hagen-Berchumer Schülerbibelkreisen, die ihr Haus nach Kurt Gerstein benannt hatten, geführt worden war; hier ist vor allem der Name des Leiters der Einrichtung Herbert Weißelberg zu nennen.


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